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Was trugen Frauen zum Stillen, BEVOR es Stillkleidung gab?

Mich hat schon immer die Geschichte hinter Dingen fasziniert, nicht nur, wie sie funktionieren, sondern woher sie kommen.


Und darüber denke ich immer wieder nach:

Was trugen Frauen, bevor es überhaupt Stillkleidung gab?


Als sie schwanger waren, stillten… manchmal beides gleichzeitig?


Ich meine, irgendwann waren wir wahrscheinlich einfach… nackt 😅 was ehrlich gesagt viel einfacher klingt.


Was ich aber noch interessanter finde, sind nicht die wohlhabenden Frauen mit ihren Kleiderschränken und Möglichkeiten, sondern die ganz normalen Frauen. Die, die gearbeitet haben, auf dem Land lebten und vielleicht nur ein oder zwei Kleidungsstücke über Jahre hinweg besaßen.

Sie haben ihre Garderobe nicht jede Saison erneuert.

Sie haben keine „Umstandsmode“ gekauft.

Und sie hatten mehr Kinder.


Also ergibt es nur Sinn, dass ihre Kleidung bereits für all das funktionieren musste, Schwangerschaft, Stillen, Alltag.

Und in vieler Hinsicht tat sie das auch.


Stell dir das einmal vor...


Stell dir vor, du bist eine Frau namens Elsbeth.


Du lebst irgendwo auf dem Land im späten Mittelalter. Dein Alltag ist voll, du kümmerst dich um dein Zuhause, deine Kinder, deine Arbeit.


Du bist wieder schwanger. Dein viertes Kind.


Dein jüngstes Kind wird noch gestillt. Die anderen rennen um dich herum, brauchen etwas, ziehen an deinem Rock.


Du hast keine spezielle Garderobe für diese Lebensphase.

Du kennst dieses Konzept nicht einmal.


Du hast dein Kleid. Eine Schürze. Etwas, das dich warm hält. Etwas, das deine Kleidung schützt, während du arbeitest.


Und irgendwie muss das alles funktionieren.


Lucas Cranach the Younger, Christ blessing the children. Public domain, via Wikimedia Commons

Kleidung, die sich dem Leben anpasste


Bevor es Kategorien wie „Umstands-“ oder „Stillkleidung“ gab, musste Kleidung einfach für verschiedene Lebensphasen funktionieren.


Im frühen Mittelalter war das keine Frage. Frauen besaßen nur sehr wenige Kleidungsstücke, manchmal nur ein oder zwei Kleider, die über Jahre hinweg getragen werden mussten.


Die Herstellung einer einzigen Tunika konnte Hunderte von Stunden dauern. Anstatt also spezielle Kleidung für jede Phase zu entwickeln, wurden Kleidungsstücke so gestaltet, dass sie sich anpassen konnten. Lockere Formen. Einfache Schnitte. Mehrere Schichten.


Und vor allem: Sie mussten immer wieder Zugang zur Brust ermöglichen, jeden Tag.


In gewisser Weise war Alltagskleidung bereits Umstands- und Stillkleidung.



miedeval clothes reconstruction
Miedeval clothes reconstruction

Schichten, Tücher und beweglicher Stoff


Wenn man sich mittelalterliche Darstellungen von Müttern und Kindern ansieht, fällt oft der weiche Stoff auf, der über Kopf und Brust fällt.


Das erinnert vielleicht an ein heutiges Kopftuch, aber es war kein fest definiertes Kleidungsstück.


In Wirklichkeit handelte es sich um einfache Stoffstücke: Leinentücher oder Kopfbedeckungen, die viele Frauen im Alltag trugen.


From right to left: https://historicenterprises.com/
Maestro della Leggenda della Maddalena

Sie waren nicht in erster Linie religiös, sondern praktisch.

Sie halfen dabei, das Haar sauber und gebändigt zu halten, vor allem, weil es nicht so häufig gewaschen wurde wie heute. Für viele Frauen, besonders nach der Heirat, war das Bedecken der Haare auch eine Frage von Anstand und gesellschaftlichen Normen.

Locker getragen und im Laufe des Tages immer wieder angepasst, konnten diese Stoffe leicht bewegt werden, je nachdem, was gerade nötig war, manchmal fielen sie über die Brust oder konnten zum Bedecken genutzt werden.

Nicht für das Stillen entworfen.Aber sie ermöglichten es ganz selbstverständlich.


Wie Kleidung tatsächlich funktionierte


Kleidung war nicht nur „locker“, sie hatte konkrete Eigenschaften, die sie anpassungsfähig machten:


Ausschnitte und Öffnungen

Halsausschnitte oder Brustbereiche konnten auseinandergezogen oder gelockert werden, um Zugang zu ermöglichen, ohne sich komplett auszuziehen.


Fibeln und Verschlüsse

Kleidungsstücke wurden oft mit Fibeln oder Nadeln zusammengehalten. Wenn man sie öffnete, konnte die Vorderseite vollständig geöffnet werden.


Schnürungen und verstellbare Nähte

Einige Kleidungsstücke konnten je nach Körper enger oder weiter geschnürt werden.


Schichten

Frauen trugen mehrere Lagen: Unterkleid, Überkleid, Schürze. Jede Schicht konnte unabhängig bewegt werden.


Einfache Tuniken

Lange, tunikaartige Kleidungsstücke aus rechteckigen Stoffteilen boten genug Raum, damit sich der Körper verändern konnte.



Volumen, Schichten und praktische Lösungen


Später, im Barock, wurden lockere Kleidungsstücke während der Schwangerschaft häufiger. Kleider wie das Adrienne hatten keine definierte Taille und viel Volumen. Es war das erste dokumentierte Umstandskleid in der Geschichte der westlichen Mode und entstand etwa im späten 17. bis frühen 18. Jahrhundert.


Davor lockerten oder öffneten Frauen einfach die Nähte ihrer Alltagskleidung oder nutzten verstellbare Oberteile, erweiterbare Unterlagen oder Schürzen.


Gerade Schürzen waren vielseitiger, als man denkt. Sie bedeckten, was nicht mehr geschlossen werden konnte, schützten den Stoff und sorgten für eine gewisse Privatsphäre.

Ein einfaches Kleidungsstück, aber unglaublich funktional.



Adrienne dress baroque
Adrienne dress Baroque

Wenn Kleidung auch das Stillen erleichterte


In der georgianischen und später der Regency-Zeit wurden viele Kleider so gestaltet, dass sie sowohl Schwangerschaft als auch Stillen erleichterten, ohne so bezeichnet zu werden.


Kleider mit hoher Taille unter der Brust ermöglichten einen einfacheren Zugang. Einige hatten Öffnungen oder Einsätze, die zur Seite bewegt werden konnten.


Das waren keine „Stillkleider“.

Das waren einfach… sinnvolle Kleider.


Und da die meisten Frauen nur wenige Kleidungsstücke besaßen, mussten diese alle Lebensphasen abdecken, Schwangerschaft, Stillen und alles dazwischen.



Nicht jede Mutter stillte selbst


Ein wichtiger Punkt ist, dass nicht alle Mütter ihre Kinder selbst stillten.


In vielen Teilen Europas, besonders in wohlhabenderen Familien, ware Ammen (wet nurse) üblich.

Für sie war Stillen kein gelegentlicher Moment, sondern konstant.

Das bedeutete, dass ihre Kleidung noch effizienter funktionieren musste, schneller Zugang, häufige Nutzung, einfache Handhabung.


Wieder keine spezielle Kleidung, sondern einfach Kleidung, die es ermöglichte.


Ein anderer Rhythmus der Mutterschaft


Frauen stillten oft, während sie bereits wieder schwanger waren.

Es gab keine klare Trennung zwischen den Phasen, alles ging ineinander über.

Das bedeutete, dass ihre Kleidung für all das gleichzeitig funktionieren musste.


Dann änderte sich etwas...


Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich etwas zu verändern.

Schwangerschaft wurde unsichtbarer. Privater.


Im frühen 20. Jahrhundert änderte sich erneut etwas. Zum ersten Mal wurde Umstandskleidung zu einer eigenen Kategorie. Eine Designerin in New York, Lane Bryant, wird oft damit in Verbindung gebracht, um 1904 eines der ersten modernen Umstandskleider entworfen zu haben, gefolgt von konfektionierter Kleidung wenige Jahre später. Gleichzeitig wurde Stillen weniger sichtbar, besonders in der Öffentlichkeit. Kleidung wurde so entworfen, dass sie den Körper verbarg, nicht dass sie einfachen Zugang ermöglichte.


Diese Entwicklung wurde unter anderem durch die Verbreitung von Säuglingsnahrung beeinflusst, die es möglich machte, Babys ohne Stillen zu ernähren. Aber das war nicht der einzige Grund. Gleichzeitig veränderten sich Vorstellungen von Anstand und öffentlichem Verhalten. Der weibliche Körper, besonders während Schwangerschaft und Stillzeit, wurde etwas Privateres, etwas, das eher verborgen als selbstverständlich in den Alltag integriert wurde.


Fashion plates from 1940 show popular maternity styles from the decade. Buyenlarge/GettyImages          
Fashion plates from 1940 show popular maternity styles from the decade. Buyenlarge/GettyImages          


Wo stehen wir heute?


Heute fühlt es sich oft so an, als bräuchte man die „richtige Kleidung“, um zu stillen.

Aber vielleicht stimmt das gar nicht.


Denn wenn man zurückblickt, lag die Lösung nie darin, die gesamte Garderobe auszutauschen. Es ging um Flexibilität.


Man braucht nicht unbedingt mehr.

Manchmal reicht es, wenn die eigene Kleidung ein bisschen anders funktioniert.

Wenn sie an Ort und Stelle bleibt. Sich leicht öffnen lässt. Sich an den Körper und das Baby anpasst.


Stillfreundliche Alltagskleidung


Ich habe ein paar Beispiele für Alltagskleidung zusammengestellt, die sich ganz natürlich zum Stillen eignet. Und wenn man ohnehin etwas Neues kauft, macht es vielleicht Sinn, Stücke zu wählen, die man auch lange danach noch tragen kann.


Left to right: Baethelabel Tezenis

Kleidung wie Hemden oder leichte Strickjacken mit Knöpfen eignet sich sehr gut, sowohl zum Stillen als auch während der Schwangerschaft. Sie lassen sich leicht öffnen, anpassen und sind unkompliziert.


Dehnbare Oberteile wie tops sind eine weitere einfache Lösung. Untergezogen können sie den Bauch während der Schwangerschaft bedecken und später beim Stillen zusätzlichen Komfort und etwas Bedeckung bieten.


Für den unteren Bereich sind Röcke und Hosen aus elastischen Stoffen ideal. Sie passen sich dem Körper an, ohne ständig angepasst werden zu müssen.


Einer der Vorteile unserer Zeit ist, dass sich Textilien technologisch so entwickelt haben, dass Kleidung heute gleichzeitig bequem und flexibel sein kann.


Ich werde in einem separaten Beitrag noch mehr stillfreundliche Alltagskleidung teilen ;)



Ich hoffe, dir hat dieser Beitrag gefallen! :)


Roberta




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Sources

Sagy, Notes on Early Medieval Women’s Dress https://sagy.vikingove.cz/en/notes-on-early-medieval-womens-dress/

Semler, Hill, Bonner — A History of Maternity Wear (2023)

Hilary Davidson — Dress in the Age of Jane Austen

Historical research on “Madonna Lactans” iconography

General historical context on wet nurses and breastfeeding practices in Europe (17th–19th century)

 
 
 

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